Geschichten

Von Volkstypen und seltsamen Käutzen

Gerne erzählt man in Gesellschaft von schrulligen Käuzen und Volkstypen aus alter Zeit. Einige von ihnen wollen wir aus dem Vergessensein in die Gegenwart holen.

Der Gemeindeschreiber Michael Ritzberger (1839-1919)
Als er den Schreiberdienst übernahm, hatte er seine Akten in einer Schachtel unter dem Bett liegen. Als letzter Gemeindepolizist bis zur Gründung des Gendarmeriepostens 1919 hatte er die Insassen des Gemeindearrests zu versorgen. Dieser war zuerst in einem Abteil einer südseitigen ebenerdigen Wohnung im Schloss, später in einem anderen Teil der alten Gemeindekanzlei untergebracht. Ritzberger musste auch so manchen Insassen in die Nachbargemeinde Raab eskortieren. Mit Dienstkappe, Bluse und einem etwas krummen Polizeisäbel, den man als “Goaßrippa” bezeichnete, bewaffnet, erschien er abends in den Gaststätten und sagte die Sperrstunde an, blieb aber noch gerne eine Weile sitzen, wenn man ihm eine “Halbe” zahlte. Er “amtierte” auch als Gemeindediener und soll des öfteren einen Bürgermeister, den sein “Alte” nicht ins Wirtshaus gehen ließ, eine falsche Einladung zu einer Gemeindesitzung überbracht haben.

Ritzberger war auch “Prograder” (Hochzeitslader) und fertigte mit seiner großen Kinderschar – er hatte zehn Kinder – und seiner Frau die Hochzeitsbüschel, “Federn” genannt. Er barbierte, schnitt Haare und riß auch Zähne, wobei er schreienden Kindern, die sich wehrten, den Kopf zwischen die Knie einzwickte.

Das Wappen der Leiblfinger
Auf einem Grabstein in der Pfarrkirche zu Sigharting ist unter anderem ein Wappen des Geschlechts der bayrischen Leiblfinger zu sehen. Eine Gemahlin der Pürchinger zu Sigharting war aus diesem Geschlecht, welches als Wappentier einen Hund trägt.

Die Schlossherrin zu Sigharting war eine unbarmherzige Frau. Sie schikanierte ihre Leibeigenen dermaßen, dass diese sie hassten. Als ihr Mann zum Herzog gerufen wurde, waren die Hoffnungen der Untertanen auf Gerechtigkeit für lange Zeit dahin. Die geborene Leiblfingerin, die durch ihre Hochzeit zur Schlossherrin von Sigharting geworden war, hatte nun die volle Herrschaftsgewalt über die Hofmark. Alle Dienstboten lebten in Furcht und Angst vor der gestrengen Frau.

Die Schlossherrin gab überschwängliche und ausgelassene Feste, während die armen Bauern in der Umgebung Hunger leiden mussten. Bei einem solchen Feste ergab es sich, dass eine Bettlerin die ungeliebte Herrin vor dem Schloss um Brot für ihr hungerndes Kindlein bat. Verachtend sah die Adelige zur Bettlerin und hetzte ihre Hunde auf die arme Frau und verspottete sie mit den Worten: „Schäm dich! Wie eine Hündin läufst du da herum!“ Als diese jammernd vor Schmerzen den Schlosshof verlies, verfluchte sie die Hartherzige.

Kurz, nachdem ihr Mann vom herzoglichen Hofe zurückkehrte, trug die Herrin von Sigharting ein Kind unter ihrer Brust. Als sie niederkam, gebar sie jedoch nicht den gewünschten Stammhalter, sondern Hunde! Darüber kränkte sie sich so, dass sie den Weg zu Gott suchte und im Gebet ihr Seelenheil fand. Kurz darauf starb sie an gebrochenem Herzen. Sie wurde mit den Hunden zusammen begraben. Seit dieser Zeit, so weiß es der Volksmund, befindet sich der Hund im Wappen der Leiblfinger.

Es findet sich so manche Wahrheit in dieser Geschichte. Barmherzigkeit ist keine Schwäche, sondern zeichnet den Barmherzigen aus!

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